Die Hamburger Villa Mutzenbecher benötigt Unterstützung!

Bewohnt trotz massiver Schäden

Still steht sie da – umgeben vom Grün des Niendorfer Geheges, kunstvoll von Spinnennetzen umwoben. Die Villa Mutzenbecher wirkt verlassen, wie in einem märchenhaften Schlaf. Doch hinter Fenstern angebrachte Schilder mahnen: „Dieses Haus ist bewohnt“. Sie stammen von dem einzigen Mieter, der trotz endloser Abrissdiskussionen dem historischen Gebäude seit Jahren treu zur Seite steht.

100-jährige Geschichte

Die glanzvolle Zeit des Hauses begann vor etwa einhundert Jahren. Wohlhabende Hamburger Bürger entdeckten das ländliche Niendorf mit seinen reetgedeckten Bauernhäusern als Ort der Sommerfrische. Bevor 1907 die Straßenbahn gebaut wurde, sollen die vielen Kutschen der Erholungssuchenden sogar manchen Verkehrsstau verursacht haben. Nach und nach zog es einflussreiche Kaufleute in das Gebiet nördlich der Innenstadt. So auch den Generaldirektor des Hamburger Versicherungskonzerns Albingia, Hermann Franz Matthias Mutzenbecher, der um 1900 ein Areal von beachtlichen 68 Hektar ankaufte, um darauf sein „Ferienhaus“ zu bauen.

Drohender Verlust

Unabhängig von Schäden, die vor allem daher rühren, dass viele Räume des Hauses seit langem leer stehen – nicht alle Zimmer können von dem Mieter Marc Schlesinger genutzt werden –, ist die Architektur qualitativ hochwertig. Aus denkmalpflegerischer Sicht ist die Villa Mutzenbecher besonders wertvoll, blieb sie doch nahezu original erhalten: Ihre Fassaden sind intakt, die Holzfenster, die Türen, die Veranda und viele Einbauten im Inneren sind unversehrt. Weil der Eigentümer, die Hamburger Finanzbehörde, aber die anstehenden Kosten für eine Instandsetzung nicht aufbringen wollte und sich außerdem kein geeigneter Nutzer fand, dachte man 2012 über einen Abriss nach. Der drohende Verlust rief sogleich mehrere Akteure auf den Plan. Ihnen ist es zu verdanken, dass mit der Mutzenbecher-Villa ein typisches Beispiel Hamburger Landhausarchitektur aus der Zeit der Jahrhundertwende bewahrt bleibt.

 

Die Villa als Unterrichtsobjekt

Einer von ihnen ist Jens Uwe Zipelius von der Hamburger HafenCity Universität. Als er im Fernsehen von den Abrissplänen des seit 2007 denkmalgeschützten Gebäudes erfuhr, wandte sich der Architekturprofessor sofort an die Kulturbehörde der Hansestadt. Auf ein solches „Praxisprojekt“ hatte er schon lange gewartet. Unterstützt durch das Denkmalschutzamt durfte Zipelius das Gebäude ab dem Sommersemester desselben Jahres mit 25 kleinen Studentenarbeitsgruppen aufmessen und konstruktiv untersuchen. 

 Alle Beteiligten waren begeistert, am Objekt zu lernen und mit ihrer Arbeit die Öffentlichkeit auf das Haus aufmerksam zu machen. Etwa zeitgleich traten vom Verein Werte erleben e. V. der Pädagoge Andreas Reichel und der Personalmanager Gerd Knop an den Professor heran. Knop engagierte sich lange Jahre im Hamburger Hauptschulmodell dafür, Jugendliche in eine Ausbildung zu bringen. Zusammen mit Reichel hatte er Pläne entwickelt, um dem Haus eine angemessene Nutzung und damit eine Zukunft zu geben. Ihre Idee: Die Villa selbst soll Unterrichtsobjekt sein, an dem Schüler aller Schulformen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund und verschiedenen Interessen gemeinsam lernen. Die Möglichkeit, dass Schüler an einem Denkmal arbeiten, mit der historischen Bausubstanz umgehen und ihren Wert kennenlernen, findet Andreas Reichel an dem Konzept so wichtig. Die Jugendlichen entwickelten dabei nicht nur ein Bewusstsein für Geschichte, sondern lernten auch, sich und ihre Gegenwart besser zu verstehen, so der Pädagoge.

Rettung in letzter Minute

Rettung in letzter Minute kam für die Villa Mutzenbecher, als der Bezirk, die Finanzbehörde und das Denkmalschutzamt Ende 2012 ein Interessensbekundungsverfahren auslobten, um doch noch einen Nutzer für das Haus zu finden. Weil das Konzept von Andreas Reichel und Gerd Knop überzeugte, bleibt das Denkmal erhalten. Der Verein Werte erleben wird die Villa für einen geringen Betrag langfristig mieten und erklärt sich bereit, das Gebäude zu restaurieren. Kontinuierlich vernachlässigt – vor über 30 Jahren wurde es zum letzten Mal saniert –, machen sich inzwischen die Schäden bemerkbar. Mängel an der Dachkonstruktion haben zu Feuchtigkeit und Schimmel im Inneren geführt. Nach und nach sollen das Dach erneuert, das Mauerwerk instand gesetzt, die historischen Fenster und Türen, die Böden und der Stuck aufgearbeitet und die Veranda wiederhergestellt werden. Wenn bald Schulabgänger und Schüler zusammen mit Studenten der Hafen­City Universität unter der Anleitung von Fachleuten die Restaurierungsmaßnahmen planen und ausführen, wird wieder Leben in die alten Mauern einkehren. 

Die Villa Mutzenbecher als außerschulischer Bildungsort

Grundsätzlich, bemerkt Andreas Reichel, stellt man sich ein offenes Haus für Bildung und Kultur vor. Jeder, der eine überzeugende Idee hat, ist eingeladen, sie hier umzusetzen. Angedacht ist beispielsweise, einen Raum zur Schreibstube zu ­machen, in der die Handschrift mit hochwertigen Schreibgeräten wieder auflebt. Lese- und Gesprächskreise sollen vor allem die Bewohner der umliegenden Ortsteile ansprechen. Vereinen wird es dann ebenfalls möglich sein, die Räume der Villa zu nutzen. Außerdem wird es eine Präsen­tation zum Gebäude geben. 

Dass die Villa weiterhin von Lehrern und Schülern genutzt wird, versteht sich von selbst. Schulen der Umgebung benötigen Räume für den Ganztagsbetrieb, und zusammen mit der Stadtteilschule Niendorf werden fest im Stundenplan verankerte Lernprojekte vor Ort stattfinden. Nur die hinteren Räume des Hauses bleiben privat. Erfreut über die aktuellen Entwicklungen, will Marc Schlesinger natürlich weiterhin hier wohnen.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte nicht nur das bedeutende Zeugnis der Hamburger Villenarchitektur bewahren, sondern auch den pädagogischen Ansatz des Projekts fördern: Junge Menschen die Freude am Denkmalschutz in der praktischen Arbeit am Objekt zu vermitteln und ihnen einzelne Berufsbilder in der Denkmalpflege nahezubringen, ist der Stiftung seit vielen Jahren ein Anliegen.