Kein Zimmer mit Aussicht

Villa Kneiff in Nordhausens Park Hohenrode© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Tief aus­gefahrene Spuren führen unter einer steinernen Brücke hindurch den Hang hinauf und enden mitten im Park Hohen­rode auf einem von Bäumen umstandenen Vorplatz. Das Entree zu der stattlichen Villa aus dem 19. Jahrhundert flankiert ein Bauzaun, ein Gerüst umfängt das Gebäude. Aus dem Haus­inneren ist Hämmern zu hören. Die Fenster der Villa sind mit Platten verbarrikadiert oder zugemauert. Zersplitterte Glasscheiben, abgebrochene Balustraden und besprühte Mauern­ zeugen von Vandalismus. 

Gisela Hartmann, die in einer Person den Vorstand der Bürgerstiftung Park Hohenrode Nordhausen und den Vorsitz des Fördervereins Park Hohenrode e.V. repräsentiert wünscht sich, Besucher würden nicht auf ein solch heruntergekommenes Gebäude in dem schönen, aber pflegebedürftigen Park treffen. 

Denn eigentlich handelt es sich bei dem Kneiff’schen ­Anwesen um ein Juwel. Der zehn Hektar große Landschaftspark ist mit der Villa, dem Kutscherhaus und einem Gartenpavillon als Einheit nahezu unverändert erhalten. Für Thüringen ist dies trotz seiner zahlreichen Parkanlagen und Residenzen eine Rarität. 

Geschichte der Villa Kneiff

Die Schöpfer des beeindruckenden Ensembles  waren die Tabakfabrikanten Carl Kneiff (1829–1902) und sein Sohn Fritz (1864–1944). Neben dem Beruf teilten sie eine Leidenschaft: Sie sammelten begeistert Gehölzarten, die Parkanlage mit den unterschiedlichsten, teils seltenen Bäumen und Strauchsorten war ihr ganzer Stolz. Beide waren Mitglieder der 1892 ins Leben gerufenen Deutschen Dendrologischen Gesellschaft, die sich dem Erhalt, der Pflege, der Pflanzung und Verbreitung von Bäumen und Sträuchern widmet.

1874 erwarb Carl Kneiff  das Grundstück im grünen Nah­erholungsgebiet Nordhausens und beauftragte zwei Koryphäen ihres Fachs mit der Planung von Villa und Park.

Spendet derzeit noch keine Helligkeit: das zum Schutz abgedeckte Oberlicht in der Eingangshalle.© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Mit dem Tod Fritz Kneiffs 1944 endete die Ausgestaltung des Parks. Trotz der schweren Kriegszerstörung Nordhausens blieb er erstaunlicherweise verschont. Seit den 1960er Jahren für Besucher frei zugänglich, bietet das 1975 unter Denkmalschutz gestellte ­Ensemble nicht nur Spaziergängern Erholung, auch Garten­experten haben hier ein Anschauungs- und Forschungsfeld erster Güte. Das bemerkenswerte Arboretum wies über 400 Gehölze auf. So war es ein herber Schlag, als 1980 ein Orkan dort eine Schneise der Verwüstung hinterließ. Immerhin konnten mehr als 200 verschiedene Baum- und Strauch­arten gerettet werden. Die Parkpflege wurde in den vergangenen 50 Jahren von engagierten Menschen aufrecht erhalten, die von der Stadt Nordhausen, dem ­thüringischen Landesdenkmalamt und dem Kulturbund mit Fach­beratung und wenigen, aber notwendigen Mitteln unterstützt wurden. ­

Auch die Villa ist in ihrer Bauform nahezu unverändert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Tabakunternehmen der Kneiffs enteignet, doch das Anwesen in Hohen­rode blieb bis vor drei Jahren in Familienbesitz. Von 1954 bis 1990 war die Villa an ein Frauen-Internat der Nordhausener Fachschule für Lehrerfortbildung vermietet. Mit dem folgenden Leerstand und dem Tod des letzten Alleinerbens geriet sie in Verfall, auch das Schicksal des Parks war mit einem Mal sehr ungewiss. 

Die Villa Kneiff braucht Unterstützung!

Dies tatenlos mitanzusehen, war nicht die Sache von 34 Nordhäusern: Sie gründeten 2005 den Förderverein. 2010 errichteten einige Mitglieder sowie zwei weitere Stifter die rechtsfähige Bürgerstiftung, um Park Hohenrode von der Erbengemeinschaft für 150.000 Euro kaufen zu können. Mit vereinten Kräften, fünf von der Nordhausener Arbeitsagentur vermittelten Bürgerarbeitern, zehn Bundesfreiwilligendienstlern sowie dem Beistand von Pflanzenexperten wird der Park gepflegt, Totholz beseitigt, werden Baumkronen geschnitten und die Wege freigehalten, damit die originale Struktur nicht untergeht. Allein die großflächige Beseitigung der wuchernden, giftigen Herkulesstaude hat die letzten zwei Jahre in Anspruch genommen.

All dies ist ein recht eingespieltes Unterfangen. Die Restaurierung der Villa hingegen zehrt an den finanziellen Kräften. Die größte Herausforderung ist neben der Instandsetzung des Dachstuhls die Bekämpfung des Echten Hausschwamms. Aufgrund des schadhaften Daches konnte er sich in dem durchfeuchteten Holz ausbreiten. Ein entscheidendes Etappenziel für eine erfolgreiche Restaurierung wäre, den zu zwei Dritteln sanierten Dachstuhl und die Dachdeckung fertigzustellen.

Wenn Gisela Hartmann durch die Villa geht, wandert ihr Blick über die Baustellen, regis­triert, wo es vorangeht und wo es stockt. 

Sie zieht großflächig ­fleckige Tapetenbahnen aus Internatszeiten ab. „Sehen Sie, es geht ganz leicht. Da schafft man viel am Tag, aber leider nur wegen der Grundfeuchtigkeit in den Wänden“, seufzt sie. Gisela Hartmann ist die Seele und treibende Kraft vom Villenpark Hohenrode, wie sie das Kneiff’sche Anwesen gern nennt. Sie ist allzeit präsent, arbeitet mit. Es ist der Kreis- und Stadträtin anzumerken, dass es für sie kein Aufgeben gibt, so strapaziös es auch ist. Aber nicht allein ihr Herz schlägt für ­Hohenrode. Mittlerweile sind es 413 Vereinsmitglieder, ­unter ihnen der Violinist Florian Sonnleitner, der dem Förderverein nach einem Benefizkonzert in der Villa beitrat. 

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte den letzten Bauabschnitt der Dachstuhlsanierung und die Bekämpfung des Hausschwamms unterstützen. Helfen Sie durch Ihre Spende!